Dorfkirche Petersdorf

Das Abendmahlgemälde in der Dorfkirche Petersdorf

Bei der Auslegung des Psalm 111 hat Martin Luther einen besonderen Rat gegeben: "Wer Lust hätte, Tafeln auf den Altar setzen zu lassen, der solle lassen das Abendmahl Christi malen."

Während die vorreformatorische Kirche das Abendmahlbild vorwiegend in der Darstellung des Lebens und der Passion Christi verankert sieht, hat dieses Motiv in der lutherischen Kirche die Bedeutung der Zierde des Altars erlangt. In unmittelbarer Nähe der Spendung des Abendmahls als Sakrament weisen somit viele evangelische Kirchen ein Gemälde mit der Darstellung des letzten Abendmahls Christi vor seinem Leiden und Sterben auf.

In der Dorfkirche Petersdorf befindet sich über einer niedrigen hölzernen Predella ein mit 150,0 x 148,5 cm sehr großes Tafelbild des Abendmahles.

Das letzte Abendmahl Christi mit seinen zwölf Jüngern ist in allen vier Evangelien beschrieben. Es ist sehr interessant diese Texte in der Bibel nachzulesen. Jeder Evangelist beschreibt das eine Geschehen und trotzdem kommen bei einigen Nuancen vor, die andere nicht notieren. Man erhält so ein umfassendes Bild von dem Geschehen in einem Saal der Stadt Jerusalem am Abend vor Karfreitag. Auch die Maler von Abendmahlbildern haben keine anderen Quellen als die Bibeltexte. Allerdings muss sich der Maler für sein Werk entscheiden, welche Situation er vom Tisch des Herrn darstellen möchte.

Da die Kirchengemälde außer der Nennung der Einsetzungsworte des Abendmahles nur sehr selten Überschriften haben, muss der Betrachter dieses herausfinden.

Welche Situation ist in Petersdorf dargestellt?

Es ist zu sehen, dass der hinten mittig an der runden Tafel sitzende Christus mit einem nur schwach angedeuteten Heiligenschein seine rechte Hand zum Segensgruß hebt. An seine Brust lehnt sich schlafend der wegen des fehlenden Bartes und der zarten Gesichtshaut sehr jung aussehende Johannes. Dieser wird auch als Lieblingsjünger Jesu bezeichnet.
"Es war aber einer unter seinen Jüngern, den Jesus liebhatte, der lag bei Tisch an der Brust Jesu." (Johannes 13,23)

Mit einem hellblauen Obergewand sitzt neben Christus der Apostel Petrus. Dieser Jünger wird traditionell mit einer Locke auf der sonst kahlen Kopfhaut dargestellt. Seine etwas engere Verbindung zu Christus wird deutlich, da er die Hand auf den Rücken seines Herrn legt.
"Und er sandte Petrus und Johannes und sprach: Geht hin und bereitet uns das Passalamm, damit wir's essen." (Lukas 22,8)

Alle anderen Jünger sind sehr farbenfroh gekleidet und auf den ersten Blick nicht näher zu benennen. Bei genauerem Hinsehen fällt jedoch noch ein Jünger ohne Bart auf. Ebenfalls hellblau gekleidet, dürfte das Philippus sein, obwohl er beim Mahl keine spezielle Rolle spielt und in den Abendmahltexten nicht genannt wird. Auch das ist eine traditionelle Darstellungsweise.

Und dann erblicken wir noch Judas Ischariot am Tisch. Er wendet uns den Rücken zu und ist mit seinem Nachbarn in ein Gespräch vertieft. Der Jünger stützt sich mit der Linken auf einen Geldbeutel, worin sich die 30 Silbertaler für seinen Verrat befinden.
"Da ging einer von den Zwölfen, mit Namen Judas Iskariot, hin zu den Hohenpriestern und sprach: Was wollt ihr mir geben? Ich will ihn euch verraten. Und sie boten ihm dreißig Silberlinge." (Matthäus 26, 14-15)

Außerdem hat der Maler dem Judas ein gelbes Übergewand angezogen. Ein fahles Gelb war seit dem Mittelalter ein Kennzeichen für sozial deklassierte Menschen. Das Gemälde stellt nicht die Sitten vor 2000 Jahren, sondern die der frühen Neuzeit dar. Und wenn man ganz genau hinschaut, dann sieht man auch, dass der Maler dem Verräter rote Haare gemalt hat.
"Und beim Abendessen, als schon der Teufel dem Judas, Simons Sohn, dem Iskariot, ins Herz gegeben hatte, ihn zu verraten." (Johannes 13,2)

Alle anderen Jünger am Tisch reden miteinander und gestikulierren oder versuchen etwas von dem Gerede zu erhaschen. Wovon handeln die Gespräche am Tisch?
"Und als sie bei Tisch waren und aßen, sprach Jesus: Wahrlich, ich sage euch: Einer unter euch, der mit mir isst, wird mich verraten. Und sie wurden traurig und fragten ihn, einer nach dem andern: Bin ich's?" (Markus 14,18-19)
Da Jesus keinen Kelch vor sich zu stehen oder in der Hand hat und auch das Brot nicht segnet, wird klar: Das Bild ist nicht die Einsetzung des Abendmahls durch Jesus und auch nicht die Erkennung dass Judas der Verräter ist.
"Der die Hand mit mir in die Schüssel taucht, der wird mich verraten." (Matthäus 26,23b)
Das Gemälde zeigt uns zunächst die Suche nach dem Verräter unter den Zwölfen.

Was gibt es auf dem Bild noch zu sehen?

Auf dem Tisch steht das Passahlamm, denn Christus hatte die Jünger zum gemeinsamen Passahmahl eingeladen.
"Aber am ersten Tage der ungesäuerten Brote traten die Jünger zu Jesus und fragten: Wo willst du, dass wir dir das Passalamm zum Essen bereiten?" (Matthäus 26,17)
Dieses Lamm wird oft nur symbolisch und damit sehr klein gezeigt. Der Kopf eines Jüngers direkt davor deutet aber an, dass es in der dargestellten Situation nicht auf das Passahmahl ankommt.

Trinkbecher, Brote, Teller und Messer gehören zu einer Mahlzeit dazu. Allerdings weisen die Messer mit den schönen Holzgriffen auf den Schneidflächen Buchstaben aus. Es kommen "H" und "S" und ein anderes Zeichen vor. Was diese bedeuten, ist noch unklar. Dahinter steckt sicherlich nicht die Marke des Messerherstellers. Eher könnten es Kürzel des Namens vom Maler sein, der von diesem Bild leider unbekannt ist. Auch finden sich an anderen Bildern der größeren Umgebung keine ähnlichen Zeichen auf Gegenständen.

Zu beachten sind noch die schönen Gefäße, die auf dem mit quadratischen Fliesen ausgelegten Fußboden stehen. Diese Zinnkrüge könnten als Weinvorratsgefäße dienen. Einer davon mag aber auch der Wasserkrug für die dem Abendmahl vorausgegangene Fußwaschung gewesen sein (Johannes 13,5-15). Auf jeden Fall zeigen uns diese Gefäße das Aussehen dieser in der Zeit der Renaissance.

Dass es sich um einen verhältnismäßig großen Raum handelt, wird an den Aufbauten und dem unter der Decke aufgehängten grünen Tuch deutlich.
"Und er wird euch einen großen Saal zeigen, der schön ausgelegt und vorbereitet ist; dort richtet für uns zu." (Markus 14,15)

Zwischenüberschrift

Eines ist ganz sicher. Der unbekannte Künstler hat das Gemälde nicht selbst komponiert. Es war üblich Vorlagen zu beschaffen, die in Form von Druckblättern nach Kupferstichen vorlagen und europaweit gehandelt wurden. Für das Petersdorfer Gemälde wurde ein Kupferstich genutzt, f+r den der niederländische Maler Maarten van Heemskerck (1498-1574) die Vorzeichnung gemacht hat.

Interessanterweise ist diese Zeichnung noch erhalten und liegt in der Königlichen Sammlung für graphische Kunst in Kopenhagen. 1548 hat Dirck Volkertszoon Coornhert (1522-1590) diesen Entwurf in Kupfer gestochen. Der Kupferstich ist zur Zeichnung seitenverkehrt, was mit dem technischen Prozess der Umsetzung zu tun hat. Das Gemälde in der Kirche ist zum Stich seitenrichtig. Der 244 x 185 mm große Kupferstich gehört zu einer 30teiligen Serie mit dem Titel "Der Fall und die Erlösung der Menschheit durch das Leben und Leiden Christi".

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Eines ist noch von Bedeutung. Und das ist die Frage nach dem Alter des Bildes bzw. der Zeit, in der es geschaffen wurde. Wie ein Signet des Künstlers auf dem Gemälde fehlt oder die Buchstaben auf den Messern nicht gedeutet werden können, so fehlt auch ein Entstehungsjahr. So müssen wir versuchen, uns anhand der Größe und Gestaltung des Bildes der möglichen Entstehungszeit zu nähern.

Eines ist sicher. Das Bild muss nach 1548 gemalt worden sein, denn aus diesem Jahr stammt die als Malvorlage dienende Druckgraphik. Die Darstellung der oben schon beschriebenen Zinnkrüge führt uns in die Zeit der Renaissance. Die Schaffung derart großer Abendmahlbilder gehört in die Zeit vor dem Dreißigjährigen Krieg. Bleibt uns noch der Vergleich mit den Entstehungszeiten von anderen Künstlern nach Maarten van Heemskercks Vorlagen gemalter Bilder.

Im sächsischen Langenbernsdorf zeigt der Altar ein Abendmahlbild, das nach gleicher Vorlage 1590 in Annaberg/Erzgebirge gemalt wurde. In Berlin existiert ein Gemälde mit der Salbung in Bethanien nach Heemskerck. Es entstand 1565. In der Dorfkirche Triestewitz bei Torgau zeigt der Altar u.a. ein Gemälde mit Christus im Garten Gethsemane. Der dortige Altar ist auch nicht datiert, aber die Kirche wurde 1582 erbaut, sodass der dortige Altar wohl unmittelbar danach entstand.

In dem Ort Petersdorf nahe gelegenen Biegen steht ein Sandsteinaltar, der leider auch nicht datiert ist. An ihm befindet sich jedoch unter anderen auch ein Relief nach Heemskerck. Nach der Restaurierungsinschrift von 1949-1959 auf seiner Rückseite entstand der Altar im 16. Jahrhundert. Es muss aber einige Jahre nach 1589 gewesen sein, denn der Christus im Kreuzigungsrelief wurde nach einem Kupferstich gestaltet, der in diesem Jahr verlegt wurde. Und dann besitzt die Dorfkirche Berlin-Karow neben anderen noch drei Bilder an der Brüstung der Empore, die nach den Graphiken der Heemskerck-Serie gemalt wurden. Diese könnten 1617 entstanden sein.

Ein anderes Motiv nach dem holländischen Maler wurde im Kreuzigungsrelief des Schnitzaltars von Blindow in der Uckermark verwendet. Dieser entstand 1601. In Abwgung aller indirekten Hinweise auf eine Datierung und die offenbar nicht mögliche Datierung über die Dendrochronologie, als dem Vergleich der Jahresringe des verwendeten Holzes mit anderen datierten Hölzern, dürfte das Petersdorfer Bild um 1600 entstanden sein, möglicher weise sogar noch am Ende des 16. Jahrhunderts.

Das schöne Gemälde stammt also aus der Spätrenaissance. Im Land Brandenburg entstanden die Werke im Stil der Renaissance von den letzten Jahrzehnten des 16. Jahrhunderts bis zum Beginn des Dreißigjährigen Krieges, der von 1618 bis 1848 tobte. Die italienische Renaissance beginnt bereits um 1400. Nur vergleichsweise wenige Gemälde sind bei uns aus der Zeit der späten Renaissance erhalten, sodass das Petersdorfer Abendmahlbild heute nicht nur ein Reichtum der Kirchengemeinde und des gesamten Dorfes ist, sondern auch einen großen Wert weit darüber hinaus besitzt.

Es ist davon auszugehen, dass das Gemälde vom ehemaligen Altar dieser Kirche stammt. Bereits 1909 war es einzeln und hing an der Nordwand im Patronatsstuhl. Offensichtlich ist der Altar schon früh abgetragen und vernichtet worden. Die annähernd quadratische Tafel gibt einen Hinweis darauf, dass es sich um das Mittelbild eines Flügelaltars gehandelt haben muss.

Diese Bilder sind meist quadratisch und somit blieb dem Maler nichts weiter übrig als das Motiv auf dem hochrechteckigen Vorlagestich zu stauchen. Beim Bildvergleich von Kupferstich und Gemälde ist dieses deutlich zu sehen. Ähnlich dem heutigen Unterbau stand das Bild wahrscheinlich auf einer sogenannten Predella und besaß zwei Flügel und einen Auszug, also ein aufgesetztes Bild. Die Flügel und vielleicht auch Predella und Auszug waren ebenfalls bemalt und daran können sich andere Szenen aus dem Leben und vom Leiden Jesu Chrisit befunden haben. Ein derartiger Flügelaltar zeigt bezüglich seiner Bauart noch die Form eines gotischen Schnitzretabels. Die Flügel waren beweglich.

Normalerweise war der Altar geschlossen, wurde nur feiertags geöffnet und zeigte dann der gottesdienstlichen Gemeinde das volle Bildprogramm. Der evangelische Renaissancealtar, besonders der mit dem großen Abendmahlgemälde, dürfte aber sonntags und besonders zur Feier des Heiligen Abendmahles geöffnet gewesen sein.

Autor: Rudolf Bönisch, Bearbeitungen zur christlichen Ikonographie, Februar 2023

Dorfkirche Petersdorf

Sieversdorfer Straße 19c
15236 Jacobsdorf OT Petersdorf