Mein Gebet für heute - Kraftquelle in Coronazeiten (3)

Mein Gebet für heute - Kraftquelle in Coronazeiten (3)


# Mein Gebet für heute
Veröffentlicht am Donnerstag, 19. März 2020, 06:00 Uhr

Deutschland macht dicht. Coronaferien für fast alle. Das öffentliche Leben liegt lahm. Das kirchliche Leben damit auch. Was nun? Ich muss in diesen wirklich stillen Passionstagen an Worte von Dominico Squillace denken, die ich in meiner Tageszeitung gelesen habe. Dominico Squillace ist Schulleiter in Mailand. In einem Brief an seine Schüler, die wegen des Virus nun alle zuhause sind, erklärt er einfühlsam den Wert einer Zwangspause:

„Ich kann nicht beurteilen, ob die Schließung der Schulen angemessen war. Was ich Euch aber sagen will, ist: ruhig Blut. Lasst euch nicht von der allgemeinen Hysterie anstecken. Nutzt diese Tage für Spaziergänge, lest ein gutes Buch!“ Noch größer als das Risiko durch das Virus sei „die Vergiftung des gesellschaftlichen Lebens, der menschlichen Beziehungen, die Barbarisierung des zivilen Umgangs.“ Der Schulleiter schlägt seinen Schülern vor, „Die Verlobten“ von Alessandro Manzoni zu lesen. In diesem Roman über die Pest in Mailand im Jahr 1630 sei schon alles enthalten, was die Gesellschaft in diesen Coronatagen präge. „Alles findet man hier: die Gewissheit, das Fremde gefährlich sind, den Streit der Behörden, die Suche nach dem Patienten null, die Verachtung von Fachleuten, die Jagd auf Krankheitsüberträger, die Gerüchte, die verrücktesten Heilmittel, das Hamstern von Lebensmitteln, den Ausnahmezustand...“

Ruhig Blut! Diesen Ratschlag will ich hören und auch dafür will ich beten in diesen Tagen. Vielleicht wäre das ja der Kollateralnutzen der Coronaferien in unserem Land. Mal die Systeme runterfahren. Mal alle Überforderungen ablegen. Ungeahnt Zeit finden zum Lesen und Nachdenken, zum Spielen und Kochen, zum Reden mit der Familie und zum Reden mit Gott:

GUTER GOTT,

NIMM UNS DIE ANGST UND DIE HYSTERIE.

LASS UNS ENTSCHLEUNIGUNG ALS GESCHENK ERLEBEN.

HILF, DASS WIR UNS SELBST UND ZUEINADER SAGEN: RUHIG BLUT!

MACH UNS DANKBAR FÜR JEDEN TAG GESUNDHEIT.

LASS UNS NIE VERGESSEN,

DASS DAS LEBEN EIN GESCHENK IST,

DASS WIR STERBEN WERDEN UND NICHT ALLES KONTROLLIEREN KÖNNEN,

DASS DU ALLEIN EWIG BIST,

DASS IM LEBEN SO VIELES UNWICHTIG IST, WAS OFT SO LAUT DAHERKOMMT.

MACH UNS DANKBAR FÜR SO VIELES,

WAS WIR OHNE KRISENZEITEN SCHNELL ÜBERSEHEN.

DIR VERTRAUEN WIR UND SAGEN: DANKE!

UND: AMEN.

Wie jede Krise so ist auch Corona in vielem eine Zäsur. Unser Land wird wohl danach ein anderes sein als davor. Der DAX fällt weiter. Die wirtschaftlichen Folgen sind gerade nicht absehbar. Die Fußballblase platzt soeben. Andererseits fallen gerade auch die CO2-Emissionen. Und die Wörter Familie und Nachbarschaftshilfe gewinnen gerade einen ganz neuen Stellenwert. Vielleicht ist diese Krise, die alles dicht macht, auch eine Chance manches abzustreifen und sich auf Wichtiges zu besinnen. „Nichts bringt uns auf unserem Weg besser voran als eine Pause“ (Elizabeth Barrett Brownig).

Ihr / Euer Sven Tiepner (Pfarrer in Friedersdorf und Reichenwalde)

Kommentare

Frank Sch-B
Lieber Sven, Danke für Brief, Gebet und Gedanken: Einsicht in eigene Grenzen auch als Befreiung erleben. ich kann nicht alles kontrollieren, und ich muss es auch nicht! Sie haben mir gut getan. Schalom, Frank.