​Verantwortung in der Corona-Krise - Offener Brief eines jungen Elternpaares aus Frankfurt (Oder)

​Verantwortung in der Corona-Krise - Offener Brief eines jungen Elternpaares aus Frankfurt (Oder)


# Neuigkeiten
Veröffentlicht am Montag, 9. März 2020, 00:00 Uhr
© pixabay, geralt

Verantwortung in der Corona-Krise
Offener Brief eines jungen Elternpaares aus Frankfurt (Oder)

Von einem jungen Elternpaar aus Frankfurt (Oder) haben wir folgenden "Offenen Brief" angesichts der Corona-Krise erhalten. Das Paar, das vor wenigen Wochen zum zweiten Mal Eltern geworden ist, setzt die aktuelle Entwicklung in Beziehung zu anderen Krisen unserer Zeit und fordert, dass das Maß an Entschiedenheit, das wir nun erleben, besonders auch mit Blick auf die Klimakrise aufgebracht wird.

Hallo ihr Alle,
in dieser bewegenden Zeit mussten wir uns etwas von der Seele schreiben und haben dieses in Form eines "Offenen Briefes" getan. Wir hoffen, dass er für euch Anregungen und auch Diskussionsgrundlagen liefert und würden uns freuen, wenn ihr diesen weiter verteilt.
Verantwortung aus der Corona-Krise
Die Maßnahmen sind drastisch: Reiseverbot, Versammlungsverbot, Wegfall von schulischer Bildung und Kinderbetreuung, Kurzarbeit, Beschäftigungsverbot, Schließung von Kultureinrichtung, Kirchen....
Die Verhältnismäßigkeit und Notwendigkeit soll nicht zur Debatte stehen. Eine solidarische Gesellschaft zeichnet sich dadurch aus, dass sich alle einschränken um einen Teil der Gesellschaft vor Schlimmeren zu bewahren. Wir finden es bemerkenswert mit welcher Konsequenz und Entschlossenheit unsere Gesellschaft dazu in der Lage ist das zu leisten.
Dennoch sehen wir besorgt in die Zukunft, selbst wenn wir, und da sind wir uns sicher, die Corona-Krise meistern. Nur ist der Coronavirus nicht die einzige Krise. Die Welt steckt schon längst in Krisen: Dürren, Artensterben, Überschwemmungen, Stürme,.... Die Krise ums Klima wird eine Krise um die Menschheit! Hier sind nicht die Älteren und Vorerkrankten die Gefährdeten, sondern die Jungen und Gesunden, die in den nächsten Jahrzehnten zunehmenden Mangel erfahren werden. Trinkwasserknappheit, verschwinden von einst bewohnbaren Landschaften im Meer oder verschlungen von der Wüste, Lebensmittelknappheit, verschmutzte Luft, Hitze, Kälte, Trockenheit, sind für einen großen Teil der Weltbevölkerung schon längst Realität.
Wir wünschen uns sich dieser Krisen genauso solidarisch und entschlossen entgegen zu stellen, auch wenn viele derjenigen die jetzt noch hier leben auch bei einem "weiter so" keine großen Einschränkungen erfahren müssen, die Solidarität gebietet es!
Vor kurzem wurde uns erklärt, was alles nicht geht, das man nicht so schnell aus der Kohleverstromung raus käme, die Mobilitätswende aus Kostengründen nicht von heute auf morgen realisierbar ist, die Umstellung der konventionellen Landwirtschaft auf Ökologische Landwirtschaft ihre Zeit bräuchte und der Fokus auf das Wachstum nicht verloren werden dürfe. Die Corona-Krise zeigt, dass wir eine handlungsfähige Gesellschaft sind, die bereit ist Einschränkungen zum Wohle der Gesamtbevölkerung hinzunehmen, dies sollte uneingeschränkt auch bei der Klima-Krise und deren Folgen gelten.
Was war und ist es für ein zähes und zum Teil jahrelanges Tauziehen um FCKW, verbleites Benzin, Dieselfahrverbote, Kohleverstromung, Tempolimit, Kurzstreckenflüge... Nun sehen wir wie schnell Kitas, Schulen, Kultur und Sporteinrichtung geschlossen werden können, Reisefreiheit eingeschränkt, Veranstaltungen abgesagt und Quarantänen verhängt werden. Natürlich bleibt das nicht folgenlos für Arbeitsplätze und Unternehmen und birgt soziale Risiken für jeden Einzelnen. Viele werden durch die Corona-Krise materielle Verluste erleiden, ihren Job verlieren, soziale Kontakte einbüßen. Die Gesellschaft muss und wird diese Verluste gerecht verteilen, auch das ist Solidarität. Dass wir das meistern ist dennoch ein positives Signal, es zeigt: Wir sind handlungsfähig als Gesellschaft. Diese Handlungsfähigkeit können wir nun nicht mehr abstreiten. Die Verantwortung die sich daraus ergibt, ist unsere Verpflichtung an die jetzt Jungen und den nachfolgenden Generationen. Wenn wir nicht aktiv und konsequent ebenso die Krisen ums Klima angehen, werden wir dieser Verantwortung nicht gerecht, werden wir unseren Kindern und Kindeskindern nicht gerecht.
Die "schwarze Null", die es bisher nicht anzutasten galt, wird wohl mit Corona fallen. Die Steuermilliarden die jetzt schon der Industrie und Wirtschaft in Aussicht gestellt werden, dürfen keineswegs für ein "weiter so" ausgegeben werden. Keine Subventionen mehr für Unternehmen, die ein Teil des Klima-Problems sind. Wenn Fluggesellschaften, Kreuzfahrt-Unternehmen, Automobilhersteller, LKW Flotten an den Folgen von Corona Einbrüche erleben, sollten die Steuergelder nicht zu deren Rettung, sondern zur Umstrukturierung genutzt werden, soziale Abfederung der Arbeitnehmer, Umschulungen, Strukturwandel. Wir haben die Chance für eine Art Neuanfang. Die Wirtschaft wächst durch Corona nicht weiter an, aber daran verhungert niemand. Das Wachstum bremsen, ja stoppen, das ist das Gebot der Stunde auf einer ausgezehrten, verdreckten und endlichen Welt. Wenn der Staat mit Steuergeldern die finanziellen Auswirkungen von Corona in der Industrie, im Handwerk und Gewerbe abfedern soll, muss darauf geachtet werden, dass die Unterstützung zukunftsorientiert erfolgt. Vor kurzem gab es Seitens des Staates scheinbar wenig finanziellen Spielraum zur Umgestaltung im Energie, Verkehrs- und Wohnungssektors, wenn nun aber doch Geld fließen soll, dann gleich in eine solidarische, klimagerechte Umgestaltung.
Wir habe zwei Töchter, eine ist ein paar Wochen, die andere zweieinhalb, in 15 oder 20 Jahren werden sie uns vermutlich fragen, was wir damals gegen den Klimawandel taten. Welche Flugreise haben wir absagten, wo haben wir aufs Auto verzichtet und was waren wir bereit für gutes Essen und Kleidung auszugeben. Und wie wir dem Streben nach "unendlichem" Wachstum auf unserer endlichen Erde entgegentraten. Sie werden uns vermutlich nicht mehr fragen, welche Entbehrungen wir eingegangen sind, um die Ausbreitung von Corona zu verlangsamen.
Es geht in diesem Offenem Brief nicht um angemessen oder unangemessen oder das gegeneinander abwiegen und ausspielen, wir sind auch nur Laien. Es gibt genug Fachleute, Ärzte und Wissenschaftler, die fundierte Aussagen treffen können und auch schon getroffen haben, danach sollten sich die Politik richten, nicht nach Lobbyverbänden und Konzernen, die primär die Reichtumsanhäufung einiger Privilegierter und nicht das Wohl der Allgemeinheit vor Augen haben. Und vor allem, sollte sich jetzt jeder einzelne die Fragen stellen, die uns unsere Kinder und Kindeskinder eines Tages stellen werden.
Lena und Johannes Gabbert
Frankfurt (Oder), den 16.03.2020

Kommentare

Frank Sch-B
Liebe Lena, lieber Johannes, ich habe Euren Brief nun nach gut zwei Wochen noch einmal gelesen. Er ist wirklich wunderbar. Und man ist fast sprachlos, dass diese Gesellschaft vorher nicht in der Lage war, für das Klima mal ein Tempolimit von 130 km/h auf der Autobahn einzuführen.
Ich wünsche mir sehr, dass wir "nach Corona", aber auch schon "während Corona" das Klima voll im Blick haben. Die Hilfen an die Wirtschaft sollten das wirklich mit im Blick haben - nicht einfach weiter so. Liebe Grüße, Frank